Stacks Image 887

Singkreis
im Flüchtlings-Erstaufnahmelager


Singen mit Händen und Füßen

Annette Meisner


Wo die Sprache versagt, hilft die Musik. Wo man mit Worten nicht mehr weiterkommt, verbindet eine Melodie. Und ein Lächeln.


Und nun bin ich also mittendrin. Habe mit Flüchtlingen zu tun. Alle reden davon, jeder hat eine Meinung. Die Politik sucht nach Lösungen. Flüchtlingsrouten, Kontingente, etc. Alles nur abstrakte Begriffe, die in meinem eigenen Leben aber nicht unmittelbar angekommen sind. Man hört davon durch die Presse. Zu viele Flüchtlinge in Deutschland. Ich sehe aber nur
manchmal ein paar im Supermarkt. Und dann die Anfrage von meinem Chef: „Magst Du im Flüchtlingserstaufnahmelager einen Singkreis leiten?“ „Ja” – Und dann?!?
Vor dem ersten Termin hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Singkreise, Kinderchöre, Ensembles leiten, alles bekannt. Aber hier? Was für Lieder singt man? Wer kommt? Was kann man aufbauen? Was für Nationalitäten, Sprachen etc. kommen auf mich zu? Viele Fragen, aber Antworten im Vorfeld? Fehlanzeige. Also gehe ich einfach hin.
Zum ersten Termin bringe ich Mappen mit Liedern mit. Auch ein Keyboard ist da. Eine alte Werkshalle, in der Lastwagen repariert wurden, ist der „Treffpunkt“ für die Flüchtlinge und liegt gegenüber vom Wohnheim, wo bis zu 600 Menschen unterkommen können. Groß und kein wirklich gemütliches Gebäude. Aber die Helfer haben sich viel Mühe gegeben und einen Raum schön als Café zurechtgemacht, da können die Flüchtlinge sitzen und es gibt Tee, Kaffee und Kuchen, etwas Normalität. Auch Tischkicker und Billardtische fehlen nicht und Fahrräder und Inliner zur abwechselnden Benutzung.


Singen in der LKW-Werkstatt

In diesem Gebäude soll ich also mit den Kindern singen. Ein Team von Helfern ist da und begrüßt mich. Eine Helferin begleitet mich durch die Halle zu dem Raum, in dem wir singen sollen. Über eine Treppe gelangen wir ein Stockwerk höher. Ehemalige Büros. Rechts ein Raum für Deutschkurse, links der Raum für Kinder. Die Tür ist mit einem kräftigen Vorhängeschloß gesichert. Im Raum fällt der Blick als Erstes auf die vielen bunten Bilder an den Wänden. Bunt, wie Kinder malen. Ein Bild zeigt ein Haus mit einer Deutschland-Fahne und dem Wort „good“.
Ansonsten ein buntes Gemisch von Tischen und Stühlen, ein paar alte Aktenschränke, ein Regal mit Papier und Stiften. Nicht besonders modern; um genau zu sein, komplett primitiv für unseren Standard. Aber es stört nicht.
Wir schieben die Tische zur Seite, bilden einen Stuhlkreis mit den vorhandenen Stühlen und ich schließe das Keyboard an. Ca. 10 Kinder sind uns in den Raum gefolgt.

Bildschirmfoto 2016-09-06 um 17.58.37
Der Kinderraum hängt voll mit gemalten Bildern



Wie fängt man an?

Ich sage „Hallo“ und werde auch begrüßt. Wir beginnen. „Wir wollen jetzt Singen!“ Alle schauen mich nur groß an. Ok, wohl zu viele Worte ... Also beginne ich zu singen und mich zu dem Lied Kopf und Schultern, Knie und Fuß zu bewegen. Alle bewegen sich mit. Ich zeige auf die entsprechenden Körperteile und die Kinder machen es nach. Kopf anzeigen, auf die Schultern fassen, vorbeugen zu den Knien und ganz runter zu den Zehn, wieder die Knie anfassen usw. Zweimal die erste Strophe. Dann sprechen wir die Worte, ich sage es vor, die Kinder wiederholen, natürlich immer auf das jeweilige Körperteil zeigend: „Kopf“ – „Kopf“, „Schultern“ – „Schultern“, ... Und wieder singen und dazu bewegen. Wie sage ich, dass wir beim nächsten Durchgang das Wort „Kopf“ nicht mehr singen, sondern nur noch zeigen? Auf deutsch versteht es keiner. Also zeige ich auf meinen Kopf, schüttle diesen und zeige dann mit dem Finger auf die Lippen, um das Stummsein anzudeuten. Ich glaube, einige haben es verstanden. Ich singe, natürlich nicht das Wort „Kopf“, aber eben den Rest und alle machen mit. Und sie haben es verstanden. Beim nächsten Durchgang fällt das nächste Wort weg. Es klappt auf Anhieb. Und so geht es, bis wir nur noch die Bewegungen dazu machen. Und dann freuen sich alle, als wir wieder alles singen und dann auch noch schneller werden. Das macht Spaß.
Als nächstes probiere ich If you’re happy, eigentlich ein Song, den alle deutschen Kinder kennen. Also los. Englisch? Fehlanzeige. Geht gar nicht. Große Gesichter. Also krame ich in meinem Hirn die deutsche Version vor („Wenn du glücklich bist, dann klatsche in die Hand ...“) und habe Erfolg, die Kinder machen mit. Klatschen, Stampfen, Rufen, alles klappt ganz gut. Und so noch ein paar weitere deutsche Lieder. Farben, Zahlen.
Ich frage ein Kind, wo es herkommt. Große Augen. Neuer Versuch. „Wie heißt Du?“ Stille. „Ich – Annette. Du?“ Ah! „Lana.“ Wir haben einen Weg für die Kommunikation gefunden. So gehe ich die Reihe durch. „Du? Name?“ Ich höre Namen, die ich nicht verstehe. Ich kenne die Lisas, Emilys, Leonards und Philipps von meinen anderen Gruppen. Aber Nuhr, Söri und Reschna hatte ich bislang noch nicht gehört. Und auch der Klang von Mohalla, Onjuschka und Musana ist für meine Ohren ungewohnt.
Fürs Amt muss ich diese ungewohnten Namen noch in eine Liste schreiben, und die Kinder müssen unterschreiben. Einige können aber gar nicht schreiben. Außerdem wollen wir ja singen und nicht schreiben.


Dann ist die Stunde vorbei

Einige Kinder helfen beim Aufräumen. Das Keyboard habe ich nicht gebraucht. Ich kann nicht gleichzeitig spielen, klatschen und die Bewegungen machen. Auch die Mappen sind in der Tasche geblieben. Mittlerweile leite ich den Singkreis seit zwei Monaten. Ich kann auf zwei arabischen Dialekten sowie Türkisch und Kurdisch bis drei zählen. Mit Hilfe, versteht sich. Mittlerweile verstehe ich die Namen besser, ich höre mich langsam etwas ein. Die Sprachen bleiben mir fremd, die Kinder nicht.


Was ist anders?

Die Kinder hier kommen und schauen die ganze Zeit auf dich. Du gibst den Ton an. Es ist leise. Manchmal fast zu leise. Sie reden nicht untereinander. Man kann nur etwas zusammen machen, eine Unterhaltung ist nicht möglich, die Verständigung geht nur auf dem Level: Name, Farben, Tage, Zahlen. Lieder ohne Interaktion sind schwierig.
Die Planung ist auch nicht einfach, jedesmal sind unterschiedliche Kinder da. Etliche kenne ich vom letztem Mal, andere kommen neu hinzu, andere nicht mehr. Es ist ein Ort der Erstaufnahme, die Bewohner wechseln, Menschen bleiben im Schnitt neun Wochen hier. Ich habe ein gemischtes Repertoire von Kinderliedern und Liedern für Größere. Eine Woche sind es hauptsächlich die Vier- bis Achtjährigen, die zum Singen kommen, eine Woche später die größeren bis 16. Die wollen dann keine „Babylieder“ singen. Eine Woche ist Laurentia, liebe Laurentia genial, in der nächsten gar nicht. Aber Kopf und Schultern, Knie und Fuß wird immer wieder gefordert. Zwei bis dreimal pro Singkreis. Das Wort „nochmal“ ist mittlerweile allen bekannt. Die Gruppenstruktur ändert sich auch innerhalb einer Singstunde. Man fängt mit ein paar Kindern an. Dann kommen fünf weitere. Nochmal zwei. Drei gehen. Wieder kommen welche dazu. Zwischenzeitlich 20 Kinder. Dann kommt ein Kind und hat etwas zu essen in der Hand, woraufhin die Hälfte der Kinder weggeht und am Ende sitzen wieder nur drei Kinder da. Oder man beginnt mit fünf Kindern und in den letzten Minuten kommen noch acht Kinder vorbei – und sind dann traurig, dass es wieder heißt „Schluss, Tschüss!“.


Meine Liedauswahl

Als Repertoire habe ich deutsche Kinder- und Volkslieder. Am besten mit Bewegungen und nicht zu vielen Worten. Mit Alle Vögel bin ich kläglich gescheitert. Es hat einfach zu viel Text. Bei Was müssen das für Bäume sein ist das doch erheblich einfacher, ganz besonders, wenn man das Lied dreimal singt und den Elefanten, die Bäume und die Zwischenräume zeigt. Ebenso fand Laurentia, liebe Laurentia eifrige Mitmacher, die sogar noch die Wochentage üben konnten, während man ständig in die Knie geht. Und Eins, zwei, drei, wer hat den Ball ist prima zum Zählen und Ballwerfen geeignet.
Als Hilfsmittel benutze ich Playbacks, denn ich kann nicht alles gleichzeitig machen und die Armbewegungen sind wichtiger. Summ, summ, summ wird dadurch spannend, dass man als kleine Biene herum summen kann. Brüderchen, komm tanz mit mir macht besonders dann Spaß, wenn man zusammen tanzt. Und die Kinder wollen die Nähe. Sie wollen klatschen, tanzen und einfach alles andere vergessen. Sie freuen sich über meine kläglichen Versuche, auf arabisch bis drei zu zählen und sind stolz, wenn sie mir dabei helfen können. Alle Lieder mit Interaktion kommen gut an, und da unterstützt ein Playback enorm. Es ist ein musikalischer Grund da und die Kinder können sich einfacher in die für sie ungewohnten deutschen Musikklänge einhören. Das Playback erleichtert das Mitsingen.


Fazit

Die Kinder in meiner Gruppe kommen hauptsächlich aus Syrien und Afghanistan, aber das ist eigentlich für niemanden wichtig. Von ihrer Reise zu uns habe ich von den Kindern nichts erfahren. Was ich sehe, sind Kinder, die sich freuen, wenn ich komme und die in mein Auto springen, um die fünf Meter bis zum Parkplatz mitzufahren. Große dunkle Kulleraugen, die alles, was ich sage und mache, aufsaugen. Kleine und größere Hände, die mir hingestreckt werden, um Brüderchen, komm tanz mit mir zu tanzen. Stille Kinder, laute Kinder, Kinder, die dankbar sind dafür, dass jemand für sie da ist. Wenn ich komme, singen und spielen wir einfach miteinander. Und nachdem ich weg bin, berichtete die Helferin, singen die Kinder weiter.

Bildschirmfoto 2016-09-06 um 17.54.39
Die Kinder üben spielend die Zahlen im Freien