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© Foto: Hermann Kranz

Rituale, Feiern, Feste
Schule mit besonderen Momenten

Meinhard Ansohn


Große Feste ohne Musik gibt es selten. Die Musik selbst – gemeinschaftlicher Gesang, Tanz, Spiel – hat ihren Ursprung im Feiern. Die Anlässe haben sich über die Zeit verändert und die Musik wird heute oft aus der Konserve gespielt. Was können wir tun, um uns etwas vom musikalischen Feiern zu erhalten? Wie feiern wir kleine Momente und große Feste?


Das Fest des Anfangens

„Da-da-dadaaaaa!“ Ein Tusch, eine Fanfare, ein Festsignal, die Ankündigung, dass etwas losgeht. Ein Jingle, ein Audio-Logo, eine Erkennungsmelodie, ein Titelsong, das sind alles musikalische Signale für einen besonderen Moment. Damit fängt das Feierliche schon an. Das kann sogar den – schulischen – Alltag schmücken. Das nimmt dem Einerlei kurz den Atem.
Aber auch wiederholbare leise Anfänge tragen einen Feieraspekt in sich, ein Zauberwort, eine Zaubermelodie, die lange nach der Schulzeit noch erinnert wird, stärker als die Momente, in denen x oder y gelernt wurden.
Unser kleines Guten-Morgen-Lied ist ein guter Anfang für eine Stunde, in der musikalische Tätigkeit Thema ist. In
MUSIK in der Grundschule 1-2017 haben wir solch ein Lied vorgestellt (Guten Morgen zum neuen Tag). Die Lehrkraft stimmt es an oder ein Kind schlägt die Stimmgabel an und hält sie an eine harte Fläche (Fenster, Tafel, Tisch), sodass alle Kinder den Anfangston a hören. Das Lied ist zu Ende und wir starten mit dem neuen Stundeninhalt. Ebenso denkbar ist in der Instrumentenspielstunde ein schöner, warmer Gongschlag. Das Schlagen auf einen Gong (eine Klangscheibe, ein Tamtam) oder auf eine Röhrenglocke kann von einem Kind ausgeführt werden. Es setzt Übung voraus: Wie stark muss ich ausholen, wie treffe ich am genauesten, wie stark muss ich mit welchem Schlägel schlagen? Der Ton verklingt und wir beginnen mit unserem Thema.
Einen regelrechten Tusch (frz: touche = Berührung) können wir selbst spielen. Der aufsteigende Dreiklang ist von einem oder mehreren Kindern spielbar, wenn die Instrumente aufgebaut sind. Bei mehreren Kindern braucht es guten Blickkontakt für den gemeinsamen Anfang. Wir spielen auf Stabspielen oder Keyboards aufsteigend drei Töne und landen auf der Oktave mit einem Tremolo. Dafür haben wir für die Stabspiele am besten zwei Schlägel in der Hand, um schnell repetieren zu können.

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In einer Tanzstunde benutzen wir für das Warmup irgendeine anregende Musik, wenn es erst einmal um freie Bewegung geht. Wenn wir dann mit einem Tanz sehr weit sind und ihn z. B. in zwei Gruppen gegenseitig präsentieren wollen, können wir diesen Augenblick zum großen Kino machen, indem wir etwa den Jingle der 20th Century Fox abspielen. Er signalisiert den Zuschauenden, dass jetzt etwas Besonderes kommt und kann den Ausführenden helfen, die Körperspannung zu erhöhen. Eine festliche Aufführung in Schulaula, Mehrzweckraum usw. lässt sich gut an mit einem feierlichen Beginn. Die große Geste bei einer Ansage – „Und jeeeeetzt: ...“ – oder eine von Instrumentalisten gespielte Musik oder eine peppige Einmarschmusik bringen den Auftretenden besondere Aufmerksamkeit. Ein Beispiel für eine markige Anfangsmusik ist der Einzug der Gladiatoren von Julius Fučik von 1899.


Rituale – Feiern des Wiedererkennens

Die Funktionen der akustischen Anfänge sind verschieden. Während die „einmaligen“ Signale und Fanfaren als laute, große Ankündigung von etwas Besonderem nicht ständig wiederholt werden sollten, damit sie „einmalig“ bleiben, sind kleine Anfangslieder und -klänge wichtige Rituale, wiederkehrende Momente, die so etwas wie ein Zuhause markieren.
Ein Ritual ist ursprünglich eine formelle, für alle Beteiligten wiederholbare, oft feierlich-festliche Handlung. Es symbolisiert etwas, das allen Beteiligten bewusst ist. Im kleinsten Bedeutungssinn kann es ein einziger Satz, eine Geste, ein Lied, eine Handlung sein. Wichtig dabei ist, dass das Ritual „Sinn hat“, dass es akzeptiert ist und dass eine Zeit strukturierende Wirkung hat.
Feiern sind etwas mehr als Rituale. Im Wortsinn identisch mit Fest benutzen wir das Wort Feier doch eher konkreter, kleiner als das Wort Fest. Das Weihnachtsfest z. B. ist ein fester Termin im Kalenderjahr, auch für alle, die es nicht feiern. Eine Weihnachtsfeier dagegen ist das Ereignis für die Menschen, die zusammenkommen. Eine Geburtstagsfeier kann klein und spontan sein, ein Geburtstagsfest ist eher ein geplantes „Event“ mit kulturell definierten Zutaten wie Essen, Tanz, Reden usw.
Wer feiert, hebt für sich allein oder gemeinsam mit Anderen etwas hervor, gibt ihm einen Wert, setzt eine Markierung zwischen die tendenziell gleichförmiger verlaufenden Tage. Sonntage, Feiertage, Ferien bzw. Urlaub sind gemeinschaftliche Markierungen, die das Leben rhythmisieren.
Für die Geburtstage der Kinder einer Klasse haben wir in den meisten Klassenräumen einen Kalender. Manche bevorzugen einzelne Blätter, die von den Kindern selbst gestaltet wurden. Diese werden nach einer Feier umgeklappt, sodass der nächste kommende Geburtstag vorn ist. Andere haben lieber das ganze Jahr als Jahresuhr im Blick.
Musikalisch haben wir neben den Geburtstagsliedern auch unsere Monatslieder als Feierlied. Kinder, die ihren Geburtstag gar nicht feiern, gibt es zunehmend bei uns. Seien es Zeugen Jehovas, die dem Feiern des Geburtstages heidnische Wurzeln zuschreiben, seien es streng gläubige Sunniten, die außer Mohammeds Geburtstag keinen anderen feiern und manche nicht einmal diesen. Für diese Kinder singen wir dann das Monatslied als „Ständchen“, um ihnen zu zeigen, dass wir uns freuen, dass sie da sind. Unsere aktuelle Liste der Monatslieder:
Januar: Die Jahresuhr (Rolf Zuckowski)
Februar: Anders als du (Robert Metcalf)
März: Ich lieb den Frühling (Kanon, trad.)
April: Nach dieser Erde (Kanon; G.Kern/Don McLean)
Mai: Jimba, Jimba (trad. Tanzlied)
Juni: 1,2,3, wer hat den Ball (Meinhard Ansohn)
Juli: La Ola (Uli Führe)
August: Das Auto von Lucio (Gerhard Schöne)
September: Un poquito cantas (trad., Südamerika)
Oktober: Hejo (Kanon, trad. engl./frz.)
November: Der Wind der alte Musikant (Lorenz Maierhofer)
Dezember: Das Lied vom Schenken (Meinhard Ansohn)

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Die Monatslieder tauchen in allen unteren Klassen immer wieder auf, werden manchmal durch neue ergänzt und dienen z. B. auch zur Ausgestaltung von Hortfesten oder einem besonderen Ritual: dem Hofsingen.
Zum Hofsingen kommen seit drei Jahren zweimal im Jahr alle Kinder und Erwachsenen der Schule 15 Minuten vor der großen Pause auf den Hof und singen zusammen vier Lieder. Das ist eine Mini-Feier unserer Schulgemeinschaft. Ergänzende Tanzlieder und ein Schullied sollen dieses Halbjahresritual demnächst noch etwas erweitern.
Ein Fundus von immer wieder gesungenen Liedern (und Tänzen) ist auch hilfreich bei Einschulungs- und Abschiedsfeiern. Da viele Schulen anfangen, sich größeren Singevents anzuschließen (Klasse! Wir singen, Liederbörsen, Vokalheldenprojekten u. a.), entsteht darüber auch eine Sammlung von Liedern, die sich in die Schule mitnehmen lassen. Das digitale 21. Jahrhundert scheint wieder nach brauchbarem Gemeinschaftsliedgut zu verlangen. So lange daraus keine neue unreflektierte Singzwangkultur entsteht, scheint das eine positive Entwicklung zu sein. Hilfreich eben auch für das Feiern von Festen mit musikalischen Gemeinschaftsaktivitäten.


Feste feiern

Als Feste bezeichnen wir größere Zusammenkünfte, einmalige und wiederkehrende Anlässe. Mehr als bei kleineren Feiern spielen hier äußere Erscheinung, Kleidung, Erinnerungsfotos, Ansprachen, Geschenke und rituelle Handlungen (z. B. bei Taufen, Hochzeiten) eine Rolle.
In der Grundschule sind Feste vor allem die Schulfeste, besonders mit dem Blick auf Schulentwicklung und Stationen in den vergangenen Jahren (z. B. Schuljubiläum). Inwieweit konfessionelle Feste gefeiert werden, ist individuell unterschiedlich. Da Staat und Kirche in Deutschland getrennt sind, verlangt es einen guten Kontakt mit den Eltern, inwieweit ein religiöses Fest in der Schule seinen Platz findet.


Ein Fest für die Musik

Ein besonderes Fest für die Musik hat bei uns in der Schule der Hort veranstaltet. Das Frühlingsfest auf dem Schulhof war ganz der Musik gewidmet und die Stände, wo sonst Dosenwerfen, Eierlauf usw. stattfanden, waren diesmal für Musikalisches da.
Am Vormittag stimmte das Halbjahreshofsingen schon auf den Tag ein. Bald nach dem Unterricht begannen die Spiele rund um die Turnhalle, vieles zum Thema Klang, Rhythmus, Lied und nur weniges mit stimmungsvoller „Konservenmusik“.
Jedes Kind, das teilnimmt, bekommt eine vorbereitete Laufkarte, auf der an den Ständen jeweils die Teilnahme angekreuzt wird. Wer mindestens 15 von 20 Spielen gemacht hat, kann sich dafür eine kleine Süßigkeit am „Festbüro“ abholen. Unter denen mit 20 Kreuzchen werden am Ende kleine Schlüsselanhänger mit Notenschlüssel verlost.
Die Betreuung der Stände und die Erklärung der Spiele übernahmen Erziehende aus dem Hort und ältere Schülerinnen und Schüler. Beispiele für solche Spiele, die zum großen Teil auch im normalen Musikunterricht gespielt werden könnten:
Echokonzert
Es gibt von verschiedensten kleinen Instrumenten immer zwei. Drei? Kinder nehmen sich je ein Instrument von einem Tisch. Drei andere Kinder nehmen sich die gleichen Instrumente. Dann kann eine Gruppe beginnen, z. B. im Rhythmus eines Monatsliedes eine Phrase zu spielen. Die Gruppe gegenüber spielt das nach. Dann wechseln die Vor- und die Nachspielenden. Ein Kreuzchen gibt es für die Teilnahme.
Die Torwand mit dem Bing
Eine Torwandplane wird aufgespannt. In den Trefferlöchern hängt ein Glöckchen, unten ein Größeres, oben ein Kleineres. Mit einem Softball kann geschossen oder geworfen werden. Ein Treffer gibt ein Kreuzchen.
Bodypercussion
Auf dem Tisch liegen Karten mit kleinen Rhythmen und Liedern. Zeichen für Klatschen, Patschen, Stampfen, Schnipsen stehen an Stelle von Noten darauf. Wer eine Karte abspielen kann, legt sie auf den Boden und probiert eine zweite Karte zu spielen. Wer drei Karten hintereinander spielen kann, bekommt sein Kreuzchen.
Besonders: Man kann sich aus den Aktionszeichen auch selber Rhythmen legen.

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Die singenden Gläser
Mit Wasser unterschiedlich gefüllte Weingläser ergeben eine Glasharmonika. Mit etwas Geschick gibt das Streichen mit dem Finger am Rand einen märchenhaften singenden Ton. Drei Töne nacheinander geschafft, sind ein Kreuz auf der Laufkarte.

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Klingender Flaschenbaum
An einem Baum hängen unterschiedlich vollgefüllte Flaschen, auf denen man mit Hölzern oder Schlägeln Melodien spielen kann, allein, zu zweit, zu dritt.
Lauschangriff
So nennen die HorterzieherInnen das Spiel mit einem Schnurtelefon, zwei Dosen an einer gespannten drei Meter langen Schnur. In eine Dose wird ein Lied geflüstert und am anderen Ende muss es erkannt werden. Wer je einmal Sender und einmal Empfänger war, bekommt ein Kreuzchen. An der Schnur hängen als Deko auf farbigen Blättern unsere aktuellen Monatslieder.
Limbo
Ein Spiel mit Musik aus der Konserve, Limbo-Musik aus Trinidad. Zwei Ständer und eine Schnur, die wir sonst für den Hochsprung benutzen.
Tanz-Ecken für alle
Für alle, denen die Schlangen an den Ständen gerade zu lang sind, gibt es zwei Ecken, wo mitgetanzt werden kann, eine für gemeinsame Line-Dances, die ein Erzieher anführt und eine für freien Tanz mit Oldies. Auf die aktuelle Musik wurde hier verzichtet, damit dort nicht die Hauptattraktion für diejenigen ist, die sich bei ihrer alltäglichen Beschallung zuschauend in der Ecke einnisten. Solche Entscheidungen kann man auch anders treffen, aber es ist gut, wenn man weiß, warum man sich wofür entschieden hat und beobachtet, ob die Rechnung aufgeht: Ein besonderer Tag für alle, die daran teilnehmen.
Spielen nach Farben
Ein Bündel aus Röhren liegt auf dem Tisch, entweder kommerzielle gestimmte Plastikröhren oder vorher bemalte Eisen- oder Plastikröhren vom Baumarkt. Auf Zetteln sind Reihen von Farben aufgemalt, die abgespielt werden können. Es gibt auch weiße Zettel und farbige Stifte. Damit kann man eine frei gespielte eigene Tonfolge aufschreiben. So oder so: Die Teilnahme ergibt ein Kreuzchen.


Ein Lied zur Feier des guten Tages

Es wäre schön, wenn jeder Tag ein guter Tag wäre. Leider gibt es Tage, an denen die Energie nicht so gut fließt, an denen sich schnell Streit einstellt, an denen man fast glaubt, eine Freundschaft sei vorbei, weil gerade alles nervt. Nicht selten gibt es weinende Kinder auf dem Hof der Grundschule, die sich von allen guten Geistern verlassen fühlen.
Das Lied Heut ist ein guter Tag thematisiert das Verbindende von Freundschaft und zeigt für belastete Momente eine positive Perspektive auf. Es „erlaubt“ auch, schlechte Tage zuzulassen und nicht jederzeit für andere Menschen funktionieren zu müssen sowie trotzdem den verbindenden Faden wieder aufnehmen zu können.
Das Lied lässt sich in einer zweiten bis vierten Klasse gut singen, hat die eingängige textlose Refrainmelodie zum innerlichen Weiterträllern und ist für eine Choraufführung zum Thema Freundschaft ein wichtiger Beitrag: Wir feiern diesen Tag, weil er für uns gut ist, und wir wissen an einem schlechten Tag, dass es wieder gute geben wird und nicht heute alles vorbei sein wird.


Heut ist ein guter Tag