Meinhard Ansohn
Klänge hören und erzeugen


MiG 1-2013
Eine kleine Erfahrungswerkstatt

Musik ist klanglich gestaltete Zeit. Wer Musik macht und wer Musik hört, verarbeitet Klänge, Töne, Geräusche als etwas, das er Musik nennt. Was aber ist eigentlich dieses
Material "Klang" und wie können wir es in der Grundschule bewusst erfahren? Ein paar Schritte zur Annäherung hier.


Der Ton macht die Musik. Das gilt nicht nur im übertragenen Sinn: Tatsächlich funktioniert Musik nicht ohne Ton bzw. Klang. Die Qualität des Tons (altgriechisch: tonos = Spannungszustand der Muskulatur) ist im menschlichen Körper genau so wichtig wie bei der gespannten Gitarrensaite oder beim einmaligen Schlag auf eine Trommel. Gute Musiker haben auf ihrem Instrument ihren ganz eigenen Ton, hervorgerufen durch ihre Spieltechnik und ihre Art Energie umzusetzen). Auch ein Qualitätsinstrument hat seinen eigenen Ton, bedingt durch das verwendete Material, die Bauweise, sein Alter und seine bisherige Nutzung. Wir können ein paar "Voraussetzungen für Ton" erfahrbar machen, indem wir selber spielen, Ton zu sein. Hier kommen drei Beispiele für eine erste bis dritte Klasse.


Bewegungsspiel

Ein Kind spielt einen ferngesteuerten Roboter und geht mit eckigen Bewegungen durch den Raum. Gesteuert wird es durch ein anderes Kind, das einen knalligen Xylofonklang spielt, nicht zu langsam, nicht zu schnell. Diese Fernsteuerung verliert nach und nach an Energie. Der Schlägel liegt immer schlaffer in der Hand und trifft mit immer weniger Kraft auf den Klangstab des Xylofons. Dadurch wird der Körper des Roboters auch schlaffer, bis er fast eingefallen stehenbleibt. Dann kommt ein Kind mit Triangel zum Fernsteuerer und gibt ihm, vor ihm stehend (nicht nah am Ohr!) neue Energie. Danach bekommt auch der Roboter mit dem Triangelton neue Energie. Er richtet sich auf und die Fernsteuerung beginnt wieder mit voller Kraft. Nach und nach probieren wir aus, wie viele Roboter gleichzeitig so gehen können (beim ersten Versuch in der Regel kaum mehr als drei, bei etwas Übung bis zu sieben), ohne dass wir die Zuordnung zu den steuernden Xylofonklängen verlieren. In dem Spiel können wir erleben, wie Intensität und Lautstärke mit Körperspannung verbunden sind. Gleichzeitig merken wir, wie genau wir einen einzigen Ton einer einzigen bewegten Person gut zuordnen können, während uns viele
Töne gleichzeitig viel mehr Konzentration abverlangen. Bei diesem Spiel können wir sagen: "Spiele einen Klang auf dem Xylofon!" Wir können aber auch sagen: "Spiele einen Ton auf dem Xylofon!" Beides ist möglich und legitim, so lange wir keine wissenschaftlichen Genauigkeiten im Raum brauchen. Tatsächlich sind Töne ja das Material der Tonleiter, aus dem unsere Melodien bestehen, auch wenn die Instrumente verschiedene Klänge haben. Diese Klänge liegen in verschiedenen Oktavlagen, dauern verschieden lange, haben unterschiedliche Spektren (Klangfarben), je nach Bau- und Spielweise. Physikalisch sind alle "Töne", die wir spielen können, Klänge (Zusammensetzungen von Teiltönen), aber wir hören sie als definierte Frequenzen
(Schwingungen pro Sekunde = Tonhöhen), deshalb vereinfachen wir als Musiker und sprechen von Tönen.


Sprach-Spiel

Warum hat denn die Kokosnuss noch immer keinen Reißverschluss?
Kokosnuss?
Reißverschluss?
Die Schale ist zu hart.
Spielregel: Sprich den Sprechvers von der Kokosnuss sehr deutlich. Gib ihm einen "Tonfall", ein Gefühl, eine Absicht, z. B. wie jemand, der beleidigt oder wütend oder sehr erfreut ist, eingebildet, herablassend, ungeduldig, sauer, enttäuscht, traurig, zufrieden, glücklich, einen finsteren Plan verfolgend, einen Weltrekordversuch kommentierend, eine lustige Panne beschreibend, eine Begebenheit vom letzten Weltraumflug berichtend ... Sprich wie ein Affe, eine Ente, ein Elefant, eine Spitzmaus ... Sprich wie eine Nachrichtensprecherin, ein Popshowmoderator, ein Busfahrer auf der Autobahn ...
Denk dir etwas aus. Man kann den Vers auch szenisch zu zweit oder in kleiner Gruppe aufführen. Die Zuhörenden fantasieren dann, was sie verstanden haben, welches Gefühl oder welche Idee in der Vorführung steckte. Danach beschreiben wir, welchen "Tonfall" (Tonhöhenverlauf, Lautstärke, Tempo) wir wahrgenommen haben.
Auch hier macht der Ton die Musik. Aus so genannten Sprachmelodien können wir Stimmungen und Absichten heraushören. Das Auf und Ab der Sprache, die Lautstärke, die Spannung und die Entspannung, vielleicht Atemluft in der Stimme, die Freude, Trauer, Wut, Angst, Glück, Zweifel, Erleichterung und vieles mehr in den Ton hineinlegt, all dies macht den Sprechvers zu einem kleinen Musikstück mit unterschiedlichem Ton im Sinne von "tonus".


Bewegungs-Stimm-Spiel

Zwei Spiele wurden jetzt hier vorgestellt, die das Thema Spannung berühren. Wenn wir Lieder mit der Gitarre begleiten, können wir vor dem Singen kurz auf dieses Thema zurückkommen, indem wir eine Saite bewusst nach unten entspannen und erfahrbar machen, was mit einer Saite passiert, die schlapp wird. "Welches Kind möchte mal selber eine Saite sein?" Falls es ein Kind probieren möchte, stellt es sich in die Mitte des Raumes. Ein anderes Kind darf es "spannen", indem es mit dem Finger den Rücken hoch fährt. Das Kind summt oder singt einen Ton, der höher wird und spannt sich. Dann geht der Finger langsam wieder hinunter und das Kind wird schlaffer, der Ton dumpfer und tiefer. Mit mehreren Kindern in einer Reihe ist das ein witziges Klangspiel mit der Stimme. Wer kann die Saite so tief entspannen, dass man nur noch Luft hört? Wer kann die Saite so hoch spannen, dass sie fast zum Zerreißen quietscht?


Wer spielt den schönsten Ton?


So wird der Schlägel locker gehalten
Der Aspekt Körperspannung spielt auch eine große Rolle, wenn wir Stabspiele spielen, z. B. Xylofone, Metallofone und Glockenspiele. Wenn wir mitten in der Erarbeitung einer Liedmelodie sind oder eine harmonische Begleitung spielen, lässt sich einfach mal die Frage unterbringen: "Kann das noch schöner klingen?" Die beiden Abbildungen auf dieser Seite zeigen die korrekte Schlägelhaltung, den Schlägel als Verlängerung des Arms, gesteuert von Daumen und Zeigefingerbeuge bei nach oben zeigendem Handrücken und das Auftreffen des Schlägelkopfes auf den klingenden Stab, mittig aufschlagend und locker federnd. Das üben wir. Nach einer Probierphase können sich zwei Kinder messen im "schöne Töne spielen".
Wählt am besten gleiche Instrumente und Schlägel und den gleichen Ton aus. Spielt abwechselnd.
Was meinen die Anderen? Wer spielt den schöneren Ton? Manchmal sind beide gleich. Dann haben alle gewonnen. Manchmal ist ein Ton schöner. Beim zweiten Versuch zieht meist der andere nach. Dann hat "der Erste den Anfang gewonnen" und "der Zweite hat dazugelernt", auch ein guter Gewinn. Das Lauschen einer Klasse, wenn sie sich auf das Spiel einlässt, kann nachhaltige Wirkungen haben: konzentrierter spielen, länger zuhören, Klänge - auch auf CDs - besser beurteilen usw. Schöne Töne sind selten scheppernde, schrille, knallharte Töne, aber auch keine zögernden, schlappen, unbestimmten Töne, außer wenn sie bewusst mit ihrem Extrem etwas ausdrücken sollen.


Sofort nach dem Anschlag federt der Schlägel
wieder nach oben



Sprechen im Musikraum

Was ist denn nun noch mal ein Ton? In der Physik wäre das eine Sinusschwingung ohne
jegliche Obertöne mit einer bestimmten Amplitude der Schwingung, etwas, das wir im Musikraum mit nichts erzeugen können. In Nachschlagewerken für SchülerInnen ist z. B. die Rede vom "einheitlichen Tonempfinden", das die Musiker dem Ton zuschreiben. Solche Töne spielen wir, obwohl sie physikalisch eigentlich "Klänge" sind, d. h. aus verschiedenen Teiltönen zusammengesetzte Schallereignisse, die periodisch miteinander schwingen. Zur besseren Verständlichkeit nennen wir all das Klang, was sich trotz gleicher Tonhöhe verschieden anhört. Wir erkennen Instrumente und Stimmen am Klang und können manchmal gar nicht genau sagen, worin die Unterschiede bestehen. Zum Reden über Klang haben wir außer laut und leise nur wenig originäre Vokabeln. Die meisten Wörter sind aus anderen Bereichen der Sinneswahrnehmung entlehnt: Die Klnagbezeichnungen hell und dunkel entstammen der visuellen Wahrnehmung, weich und hart oder kraftvoll kommen vom Taktilen, "süße" Klänge sind dem Geschmackssinn entlehnt, warme und kühle Klänge der Hautwahrnehmung. Das Hoch und Tief der Töne ist ein metaphorischer Sprachgebrauch für schnelle und langsame Frequenzen
und muss später erklärt werden. Als Forscher ziehen wir durch unseren Musikraum und probieren, ähnlich oder verschieden klingende Gegenstände aufschreiben, indem wir z. B. Liedrhythmen klopfen und Klänge vergleichen. "Wer hat sehr ähnliche, wer sehr verschiedene Klänge gefunden? Was ist daran ähnlich oder unterschiedlich? Hartes und Weiches, Dumpfes und Schrilles, Bewegtes und Festes, kurz oder lange Nachklingendes, Schweres oder Leichtes, volle oder hohle, dicke oder dünne Klänge. Wer findet Klänge, die im Ohr pieken? Und wer findet Klänge, die sich kribbelnd im Bauch ausbreiten?"

1 Klänge im Musikraum erforschen                          
   Vergleicht verschiedene Dinge in eurem Musikraum! Findet welche, die ähnlich und ganz anders klingen als die ersten.

Ein Ding, das klingt ...
Das klingt ähnlich.
Das klingt ganz anders
Das Glockenspiel


Die Tafel


Die Rassel


Die Dose


Die Gitarre














Grafische  Notation für Klänge

Für die Eigenschaften von Klängen und damit Unterscheidungsmerkmale gab es in den 1970er Jahren gute Hilfsmittel: Wörter und grafische Zeichen. Sie waren für die "Neue Musik" dieser Zeit wichtig, weil die traditionelle Notenschrift nicht ausreichte. Diese Klangzeichen ermöglichen uns auch in der Schule eine vertiefte
Wahrnehmung der Charakteristik von Klängen und können schon in den ersten Schulklassen benutzt werden:

   Klänge;
   Klinger oder Liegeklänge - lange gehaltene Klänge;
   Schwebe- oder Verschwindeklänge - verklingende Klänge;
   Gleitklänge - Glissandi,
stufenlos oder arpeggierend;
   Bewegungsklänge - durch schnelle Bewegung erzeugte Klänge;
   Tontrauben oder Schichtklänge - Cluster, dicht übereinander liegende Klänge.



All diese Zeichen sind Beispiele.
Sie müssen verabredet werden.
Dann können sie benutzt werden.





Spiel mit Instrumenten

Aus den Zeichen, mit denen wir Klänge grafisch notieren, können wir auch Partituren machen. Das Spiel "In der Klangmeisterei" ist ein Musikstück mit festgelegten Spielregeln, aber wandelbaren Inhalten. Die Tafel - oder eine große Wandtapete - wird wie eine Tabelle eingerichtet. Dann schreiben wir die Namen der Instrumente oder Symbole dafür in die Spalten und füllen sie mit Klangzeichen: Viele, wenige, gar keine Klänge, erst nur eine Art, dann vielleicht mehrere Arten von Klängen in einer. Ein Kind ist dann der Klangmeister, die Klangmeisterin und hat einen Zeigestock. Ein weiteres Kind "bewacht" Anfang und Ende. Dafür hält es einen Gong oder eine Triangel in der Hand.
Das Anfangssignal wird gespielt. Dann geht der Klangmeister mit dem Zeigestock langsam über die Spalten von links nach rechts. Alle Kinder schauen nach vorn und spielen, wenn sie dran sind, was sie sehen. Das Schlusssignal erklingt und das Stück ist zu Ende.




Klänge verfremden

Bei der grafischen Notation, mit der Klangeigenschaften in aufgeschriebene, gezeichnete
oder gemalte Partituren einfließen, sind bereits Klänge einbezogen, die wir üblicherweise als Geräusch bezeichnen. Physikalisch gibt es verschiedene Zusammensetzungen von Rauschen, also sehr dicht nebeneinanderliegende unregelmäßige Klänge, denen jegliche Definition von Tonhöhe oder einseitiger Klangeigenschaft fehlt. In der Musik nennt man Geräusch meist die Einbeziehung von Lauten aus unserer Umwelt in musikalische Gestaltung, z. B. auch Klänge, die wir mit Möbeln, Einrichtung, Schlüsseln, Blättern usw. erzeugen, um musikalische Ideen originell umzusetzen (vgl. "Wie klingt unsere Schule" in MUSIK in der Grundschule 2/2011).


Wie klingt der Regen?

Wenn wir unseren Musikraum gut erforscht haben, kennen wir uns mit der Ähnlichkeit der
Klänge gut aus. Besonders das Wetter ist eine gute Vorlage für die Kombination von ähnlichen Klängen, die in der Masse zu einem komplexen Geräusch werden. Viele Rasseln ergeben ein großes Gerassel. Regen, Meer? "Was rauscht denn da?" Viele geriebene Trommeln, aber auch Papier auf der Wand ergeben ein großes Reiben. Wind, Sturm? "Was schleift denn da?" Viele Klänge, bei denen Fingerspitzen, Hölzchen oder kleine Schlägel auf verschieden harte Flächen treffen, ergeben ein großes Getrappel. Hagel, Tiere auf der Flucht? "Was trappelt denn da?"
Wenn man eine Art von Klang vervielfacht und dann einen besonders anderen Klang spielt, ergibt sich eine neue Wahrnehmung. Mitten beim großen Reiben eine einzige Rassel. Da wird sie einzigartig. Beim großen Gerassel eine Trommel: bum, was war da los? Beim großen Getrappel ein Glockenspielton - spannend! Wir erleben Klang auf eine eigene Weise und können daraus Geschichten entwickeln abseits der klassischen "Klanggeschichten", von denen es viele in der Musikpädagogik gibt und die wir
mit solchen Vorübungen auch leichter spielen können. Hier ist vor allem Thema der Weg, auf dem wir zur Erfahrung kommen, um dann anwenden zu können - und in der Welt mehr hören.


Lied: Ticketack

Das Lied Ticketack ist sowohl ein Lied zum Thema "Zeit" als auch zum Thema "Klang". Als Klanglied nutzen wir wieder unser angebahntes Expertentum, um die Klangsilben instrumental mitzugestalten. Zunächst singen wir das Lied, lernen die Strophen. Dann suchen wir Klänge aus - einen nach dem anderen - mit denen wir das gesungene Lied begleiten. Als Fortgeschrittene lassen wir das Singen bei den Klangsilben ganz weg und ersetzen an den Klangsilbenstellen die gesungenen Silben. Eine kleine Anwendung unserer Forschungsergebnisse.

2 Ticketack                             © M & T: Meinhard. Ansohn


2. Ticketack, plopp, plopp, plopp:
Ja so geht es im Galopp.
Hörprobe
3. Ticketack, schnarr, schnarr, schnarr:
Ja, das schnarrt so wunderbar.
4. Ticketack, bing, bing, bing:
Ja, so klingt ein jedes Ding..

5. Ticketack, bum, plopp, bing, schnarr,
dideldumm und tralala.



Das war's!


Programmmusik - Bilder einer Ausstellung

Viele Musikstücke aus der Konzertmusik von Barock bis Spätromantik sind auf verschiedene Weise gespielt, instrumentiert, interpretiert worden. Vor allem einiges aus der Programmmusik bringt uns interessante Veränderungen unserer Vorstellungen, wenn die Klänge anders sind.
Ein Beispiel ist das Ballett der Küken in ihren Eierschalen. Der russische Maler Viktor Hartmann regte mit seinen Bildern den Komponisten Modest Mussorgsky 1874 zu einer Musik über die Bilder an.
Das neunte Stück dieser musikalischen Ausstellung heißt: Ballett der Küken in ihren Eierschalen. Es wurde ursprünglich fürs Klavier komponiert, ist aber bekannter in der Orchesterversion von Maurice Ravel (1922). Man hört es manchmal auf einer Kirchenorgel - 1994 von Peter Leu - oder auf der Straße mit Akkordeons gespielt (1997; Draugsvoll/Crabb). Der japanische Elektronikmusiker Isao Tomita machte daraus 1975 ein Klangstück auf seinem Moog-Synthesizer.
Für die Kinder lässt sich folgendes anbieten, ohne dass gleich eine Choreografie oder ein
perfektes Gemälde daraus entstehen muss: "Wenn ihr das Original vom Klavier hört, könnt ihr die Küken malen, wie sie noch im Ei tanzen. Haben sie helle oder dunkle Farben? Tanzen sie wild oder schwebend? Allein oder als Kükengrüppchen? Dann hört ihr die anderen Versionen desselben Stücks. Welches hört sich eher wie von fern an? Welches wie mitten drin? Gibt es verschiedene Wetter oder Tageszeiten, bei denen der Tanz stattfindet? Welche Klänge lassen euch an ...... oder ...... denken? Mögt ihr selbst zu einer Version tanzen? Zu welcher Musik am liebsten und warum? Probiert es!"