Meinhard Ansohn
Von den Großen für die Kleinen


MiG 1-2013
Alltägliche und feiertägliche Lieder
MiG 1-201
MiG 1 Vielleicht ein eigenartiges "musikpädagogisches" Thema. Ist Musik etwas, das Menschen
in Große und Kleine unterteilt? Wer sollte das sein? Sind die Großen die Erwachsenen, die sich Musik für Kinder ausdenken? Dann wäre jede Komposition, die in die Schule gelangt, etwas von Großen für Kleine. Oder sind die Großen die Älteren in der Schule, die für die Jüngeren musizieren? Sicher sind hier auch nicht Lieder wie Short People von Randy Newman gemeint, die sich satirisch mit den Vorurteilen gegenüber kleinen Menschen auseinandersetzen und sicher auch nicht die Bevorzugung "kleiner Komponisten" etwa durch Goethe, dem zu viel musikalische Größe suspekt war, wenn es um Vertonungen seiner Gedichte ging. Zwar wären das schon Themen, die in den höheren Klassen des Gymnasiums ein Licht auf Größenunterschiede in Geist und Körper werfen könnten, aber für uns in der Grundschule müssen wir einfacher denken, einfach und möglichst ohne Wertungen.


Große und Kleine in der Grundschule

Wie also lässt sich das denken, von den Großen für die Kleinen? Drei Ansätze finden sich hier als Angebot weiterzudenken, mitzumachen und Eigenes einzubringen. Tatsächlich ist das Thema insofern relevant, als Kinder in der Schulzeit fortwährend die Rollen wechseln. Kleine Kinder werden groß und erleben andere wieder als kleine Kinder. Für eine lebendige Schulmusikkultur ist es nicht unerheblich, wer für wen Vorbild ist, wer wen kreativ berührt.
    Die Kleinen ( SchulanfängerInnen) erleben in der Schule Musik, die die Großen - schon dort Lernenden - für sie präsentieren. So sollte es an einer Schule mit einem intakten Musikkleben sein. Das beginnt mit der Einschulungsfeier, wo erst für sie, dann vielleicht mit ihnen und zum Schluss von ihnen etwas gestaltet wird. Die Kleinen der Schulanfangsphase schauen manchmal zu den Großen (SchülerInnen) auf, die ihnen bei Feiern oder Projektwochen Dinge präsentieren, die sie sich selber noch nicht erarbeiten
können. Später sind sie selbst die Großen und für die Kleinen die Präsentierer. Das schließt nicht aus, dass auch die Kleinen schon etwas für die Großen zeigen. Vor allem dann, wenn die Großen ihnen durch ihr Beispiel Mut machen.
   Die kleinen ErstklässlerInnen kommen an vielen Schulen in eine altersgemischte Schulanfangsphase zusammen mit Großen - ZweitklässlerInnen -, die schon etwas können. Die Kleinen werden Große, die spätestens im zweiten Schulbesuchsjahr mit Kleineren in der Schule leben. Sie können stolz darauf sein, dass sie nun in der Lage sind, etwas zu zeigen, etwas weiterzugeben, Beispiel zu sein für die Nachfolgenden. Für diese Arbeit brauchen wir differenzierende Angebote mit dem gleichen Material. Die Anforderungen unterscheiden sich meistens quantitativ. Große müssen mehr lernen - manchmal auch qualitativ - und spielen vielleicht eine anspruchsvollere Begleitung, während die Kleinen singen. Aber es kann auch möglich sein, dass die Methoden unterschiedlich eingesetzt werden. Großen trauen wir, hoffentlich, mehr Eigenständigkeit zu und unterstützen das mit Aufgaben. Und wir können die Großen einsetzen, den Kleinen zu helfen.
   Die Kleinen (Kinder) hören und machen Musik, die sich die Großen (Erwachsenen) ausgedacht haben. Selten ist es umgekehrt, obwohl es schön zu denken wäre. Besonders interessant kann das sein, wenn sich Große Musik speziell für Kleine ausgedacht haben - Kindermusik oder vermeintliche Kindermusik. Es gibt sehr viel Kindermusik, gerade im "klassischen" Bereich, die für Grundschulkinder gar nicht so einfach zugänglich ist. Oder aber sie kommt bei vielen heutigen schon recht coolen Kindern als "Kindergartenmusik" gar nicht mehr an. Manchmal gibt es moderne Fassungen, die die Kluft zwischen Klein und Groß überbrücken können.


Lieder zur Einschulung

Zur Einschulung stehen die Großen auf der Bühne vor Kleinen, die große Augen und Ohren machen. Was wird gesungen?
   Es kann ein Lied sein, das frisch aus dem Klassen- oder AG-Repertoire kommt: Das können und mögen wir, das singen wir für euch.
   Es kann eines der Begrüßungslieder sein, von den vielen Varianten der Guten Morgen-
Lieder bis zum Einschulungslied. (Schule ist für alle da war ein Beispiel in MUSIK in der
Grundschule 2/11.)
   Es kann "das Schullied" sein, wenn die Schule eins hat: Es ist das Lied, womit sich die
Schulgemeinschaft identifiziert, von dem man am ersten Schultag schon sagen kann, dass es die Neuankömmlinge auch bald lernen werden. (Ebenfalls in MUSIK in der
Grundschule 2/11 hatten wir eine Schulliedversion von Es ist der gleiche Wind).
Das Lied Ein Haus für die Kinder ist in manchen Schulen seit 1998 auch ein Schullied geworden. Kinder, denen es vorgesungen wurde, singen es später den Neuankömmlingen
vor. Der Text weist über die Schule hinaus und stellt die Welt als Haus vor, was manche der "Kleinen" noch gar nicht ganz verstehen, aber darüber lässt sich spätestens reden, wenn sie es selbst für die Feier lernen. Manche Schulen, LehrerInnen oder ältere SchülerInnen haben inzwischen Texte verändert und an ihre Schule angepasst. Das ist ausdrücklich erwünscht, sofern der Sinn nicht entstellt wird: Das Negative sollte im Text zugelassen werden, so lange es nicht zerstörerisch wirkt. Streit gehört zum Leben.

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Ein Haus für die Kinder                © M & T: Meinhard. Ansohn

2. Ein Haus für die Kinder, ein Haus für die Kinder.
Ein Haus für Suzanne, für Chen-Li und Kunigund.
Und auch ein paar Zimmer für die ohne Namen.
Unser Haus heißt Erde und ist rund.
Und auch…
Hörprobe
3.
Ein Haus für die Kinder, ein Haus für die Kinder.
Ein Haus, wo man spielen kann.
Da wird es bunt.
Und auch ein paar Zimmer, für die,
dich sich streiten.
Unser Haus heißt Erde und ist rund.
Und auch…
4.
Ein Haus für die Kinder, ein Haus für die Kinder.
Das tun die Kinder mit diesem Lied kund.
Da gibt es Zimmer
für Eltern und Alte.
Unser Haus heißt Erde und ist rund.
Da gibt es…
5.
Ein Haus für die Kinder, ein Haus für die Kinder.
Ein Haus für den Kopf und den Bauch
und den Mund.
Da gibt es kein Zimmer, für die, die zerstören.
Unser Haus heißt Erde und ist rund.
Da gibt es…

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Ein Haus für die Kinder - Begleitung       © M: Meinhard. Ansohn






Wir singen das Lied auf einer Bühne. Wichtig für die Präsentation ist immer: Die Kleineren stehen vorn, die Größeren hinten. Je besser das vorher geübt wird, umso aufmerksamer wird das auch bei anderen Gelegenheiten von den Kindern beachtet.
Für ein Schuljubiläum basteln wir aus Pappmaché eine Erdkugel und kleben ein Modell unserer Schule aus Pappe darauf. Oder wir malen zu den Strophen große Plakate, die wir an die Wände hängen. Wenn jede Klassenstufe eine Strophe übernimmt, sehen wir die unterschiedlich entwickelten Malstile.
Beim Singen können die Größeren den Schlussteil des Refrains mehrstimmig singen und eventuell mit Instrumenten begleiten. Manchmal ist weniger mehr, aber manchmal wirkt mehr bei den kleinen ZuhörerInnen lange nach.


Die Großen machen Programm für die Kleinen


Lieder vom Bauen


Seit einigen Jahren gibt es immer mehr jahrgangsgemischte Schuleingangsstufen. Hier sitzen "Große" und "Kleine" in einem Klassenraum und sollen sowohl miteinander, als auch voneinander lernen. Wie schön oder wie furchtbar das sein kann, soll hier nicht erörtert werden. In Musik suchen wir ja immer wieder Gegenstände und Methoden, mit denen wir die Fünf- bis Zehnjährigen in dieser Gruppe auf angemessene Lernwege bringen können.
Wir nehmen hier das Thema Bauarbeiter als Anlass, in verschiedene Richtungen das musikalische Lernen altersgerecht anzusetzen. Aufhänger ist zunächst die Kinderoper Wir bauen eine neue Stadt von Paul Hindemith, die er 1930 komponierte. Es war für ihn ein Jahr der "pädagogischen Kompositionen". Der Konzertmusik müde, in der er keine Weiterentwicklung sah, meinte er, man müsse Musik für Kinder komponieren, Lieder, Rhythmisches. "Besser als Musik hören, ist Musik machen" meinte er zu der Zeit, was ihn später - zu Unrecht - in die Ecke einer eher verpönten musischen Bildung rückte. Tatsache war aber auch, dass seine musikpädagogische Meinung so gefragt war, dass er aus der Türkei den Auftrag bekam, in Ankara ein Konservatorium aufzubauen, was er zwischen
1935 und 1937 auch tat. Noch heute wirkt seine Handschrift dort nach, indem z. B. deutsche Kinderliedmelodien wie Alle meine Entchen in Grundschulen mit türkischen Texten unterrichtet werden.
Wir hören in unserer Eingangsstufenklasse das zweite Stück aus Hindemiths Kinderoper: Gibst du mir Steine. "Wem fallen Dinge auf? Singen wir auch so hoch? Kennen wir viele Lieder in dieser Taktart? (mal mitschunkeln in diesem 6/8-Takt) Kennen wir Instrumente, die vorkommen (ein Holzblock, ein Gong, eine Triangel)? Wie finden wir die Stadt, von der erzählt wird? Fehlt uns etwas?"
Einige moderne Künstler haben dieses Lied auf ihre Art aufgenommen. "Was sagen wir zu Nena, die heute noch viele kennen? Was ist das für eine Stadt, von der wir diesmal weniger erfahren, aber ihre Musik von 2007 sagt uns vielleicht, wie es da zugeht?" Nena hat eine Gruppe aus den 1980ern nachgemacht. "Ob die Bauarbeiter in dieser Version der Gruppe Palais Schaumburg mögen, was sie tun oder langweilen sie sich?"
Die Rhythmen haben sich seit 1930 verändert. Hören Sie mit den Kindern das Original noch einmal, danach die Version der Gruppe Palais Schaumburg und anschließend die Nena-Fassung.
Es geht auch noch einfacher: Je nach unseren rhythmischen Vorerfahrungen sprechen wir zusammen die Rhythmen mit (mittelschwer) oder ordnen sie hörend zu (meistens sehr schwer) oder probieren nur kurz, die Rhythmen nachzuvollziehen und lernen dann den einfachen Sprechrhythmus. Auf der Basis des einfachen 4/4-Taktes können wir probieren, den ganzen Text des Hindemith-Originals als Rap zu sprechen. Eventuell tauschen wir Gebäude oder andere Elemente des Originals aus mit Dingen, die wir kennen (Radweg, Einkaufszone, Hochhaus.) Unseren Rap können wir mit dem Rhythmus aus der Steine-Sand-Zeile auf Trommeln begleiten.

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Gibst du mir Steine
- Sprechrhythmen und Trommelbegleitung   





Arbeitsaufteilung
Die Erarbeitung lässt sich am einfachsten in der ganzen Gruppe mit Lehreranleitung bewältigen. Wenn wir das einmal gemacht haben - vorsprechen, nachsprechen, erst eine Strophe, dann die nächste usw. - können wir unsere Arbeit differenzieren: Für den Song Ich bin der Bauarbeiter von den Blindfischen teilen wir die Gruppe auf in Lesende und Noch-nicht-so-gut-Lesende. Wir hören das Lied von CD, dann bekommen die Großen einen tragbaren CD-Player und können z. B. in einer Ecke, im Teilungsraum oder auf dem Flur mit Kopfhörern oder wie gerade die Gegebenheiten sind, mit dem Arbeitsblatt allein lernen. Die Kleinen bleiben mit der Lehrerin zusammen und lernen langsam erst mal den Refrain, vielleicht noch eine Strophe usw. Dass das Lied genau auf Tonhöhen gesungen wird, ist hier weniger wichtig als genaue Artikulation.
Wenn die Großen fertig sind, können sie das Lied vorsingen und anschließend nochmal den Kleinen helfen. Bei der Aufführung lässt sich der Song auch gut mit dem vereinfachten Steine-Sand-Rhythmus begleiten (viertes System auf dem Arbeitsblatt). Eine Xylofon-Begleitung unterstützt den gesungenen Refrain. Ergänzendes zum Thema Bauen über das Musikalische hinaus kann weitere Kooperationen von Großen und Kleinen bieten:
   Referate über Bauberufe: Die Älteren erzählen etwas über die Tätigkeit, die Jüngeren spielen sie pantomimisch vor.
   Fotoausstellungen über Baustellen in unserer Stadt: Vieles lässt sich hier unabhängig vom Alter organisieren. Eine fotografiert, einer klebt auf; die Älteren beschriften die Fotowand.
   Bilder malen mit charakteristischen Gebäuden: Die Älteren zeichnen (meistens) genauer, die Jüngeren malen aus.


Projektpräsentationen

Das Feld der Möglichkeiten ist unendlich groß, sofern die Schule offen ist für klassenübergreifende Projekte. Lieder und Spielstücke zu den Projekten, Improvisationen und Kompositionen kommen in der Vorführung für Andere weiter zur Geltung. Klassenraum, Musikraum oder Aula werden zum Konzertpodium und alles, was die höheren Klassen zu bieten haben, kann von den jüngeren MitschülerInnen miterlebt, gewürdigt und insgeheim selbst angestrebt werden. Schulaufführungen - auch im ganz kleinen Rahmen - sind oft ein guter Ort für "oral tradition" der Älteren an die Jüngeren.
Hier soll bewusst kein Projekt vorgestellt werden, das sich vielleicht besonders eignen würde. Man nehme einfach ein Thema, das für die Schule aktuell ist und hat sehr schnell viele musikalische Gestaltungsideen - aus den Liedern die wir kennen, aus Zeitschriften wie dieser, aus den Vorschlägen der Anderen.
Themen wie "Unsere Erde", "Tiere zu Hause und in der Natur", "Wetter", "Märchengestalten", "Sitten und Gebräuche bei verschiedenen Völkern", Straßen dieser Welt", "Wasser", "Ein Fest im Mittelalter", "Die Farben des Regenbogens", "Der Weltraum", sind voller Lieder, Spielstücke, Tänze, Klanggestaltungsmöglichkeiten.

Checkliste
Unsere Checkliste wird immer die Gleiche sein: Was finde ich wo? Was können die SchülerInnen von Gruppe XY? Was kann ich ihnen zutrauen, selbst zu entwickeln? Welche Instrumente haben wir? Wie viel Zeit brauchen wir zum Proben? Welcher Raum eignet sich für die Präsentation? Wie viele Zuhörer können wir wie oft einladen? Welche andere Gruppe hat ein ähnliches Unterthema, zu dem unsere Präsentation eine schöne Ergänzung wäre?
Im Hintergrund kann schon überlegt werden, welche Kleinen eventuell in die Aufführungsgruppe hineinwachsen würden? Wo Altersmischung auch in Klasse 3, 4 besteht, wäre es gut, die entsprechende Klasse 1, 2 einzuladen.
Gibt es keine Altersmischung, aber Chor, Band, Orchester oder eine Tanz-AG, dann sollten möglichst viele "Kleine" erleben, an welcher Art Dinge sie demnächst auch mitwirken könnten.
Der Wert einer schulmusikalischen Tradition für eine Schulgemeinschaft ist sehr hoch und auch dann erstrebenswert, wenn es weder Projekte noch Arbeitsgemeinschaften gibt. Es reicht schon ein Lied, das die vierte Klasse gut kann und zu dessen Vortrag sie die erste Klasse in den Unterricht einlädt. Man lernt sich kennen und freut sich aneinander. Sogar das Leben auf dem Schulhof könnte sich entspannen, wenn sich Kleine Große für ein paar Minuten als Musizierende und Große Kleine als Zuhörende und Applaudierende erleben.